10.10.2000
Kernspaltung in Temelin - Internationale Kritik
(DTPA/mu) PRAG/MÜNCHEN/LUXEMBURG: «Unverantwortliches Handeln» haben Politiker in Deutschland und Österreich der Regierung in Prag nach der Inbetriebnahme des umstrittenen tschechischen Atomkraftwerks Temelin vorgeworfen. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne)nannte den am Montagabend aufgenommenen Probebetrieb eine «falsche Entscheidung».
Unterdessen liefen am Dienstag letzte Vorbereitungen zum Auslösen der nuklearen Kettenreaktion in dem südböhmischen Atommeiler. Die Kernspaltung im ersten Reaktorblock werde vermutlich am Mittwochmorgen erfolgen, berichtete der tschechische Rundfunk.
Am Rand des EU-Umweltrats in Luxemburg sagte Trittin, der sowjetische Reaktortyp, der mit US-Technik nachgerüstet wurde, wäre nach deutschen Sicherheitsstandards nicht genehmigungsfähig gewesen. Man habe vor Jahren in Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) einen ähnlichen Typ gehabt, aber beschlossen, an seiner Stelle ein modernes Gaskraftwerk zu bauen. Österreichs Umweltminister Wilhelm Molterer drohte am Dienstag, den Abschluss des Energiekapitels bei den EU-Beitrittsverhandlungen mit Tschechien zu blockieren, bis Temelin sicher sei oder eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorliege.
Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) kritisierte am Dienstag in München, Temelin werde ohne Rücksicht auf die Bedenken der Reaktor-Sicherheitskommission angefahren. Er nannte die Haltung Tschechiens «unverantwortlich».
Das Atomkraftwerk, mit dessen Bau bereits 1983 begonnen worden war, soll im Mai 2001 ans Netz gehen. Aus Protest gegen Temelin blockierten am Dienstag österreichische Aktivisten erneut Grenzübergange nach Tschechien.

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