11.06.2002
Detlef Dzembritzki (MdB, SPD) zu Benes-Dekreten
(DTPA/MT) BERLIN: Im Zusammenhang mit dem "60. Jahrestag der Zerstörung Lidices" hat sich gestern der SPD Bundestagsabgeordnete Detlef Dzembritzki zu seinen Vorstellungen der deutsch-tschechischen Beziehungen geäußert:
Am 10. Juni 2002 jährte sich zum 60. Mal die Zerstörung des tschechischen Ortes Lidice. Am kommenden Wochenende wird in der tschechische Republik offiziell der Ereignisse gedacht. Vor 60 Jahren machten Wehrmacht und SS den kleinen Ort in der Nähe Prags dem Erdboden gleich, sie erschossen jeden der 184 Männer, der jüngste war erst 15 Jahre alt, brachten die 195 Frauen in Arbeits- und Konzentrationslager, verschleppten die Kinder. Nur 17 der 105 Kinder konnten Suchgruppen nach dem Krieg wieder auffinden.
Seit über 10 Jahren kommen die überlebenden Frauen und Kinder Lidices, auf Initiative meines verstorbenen Freundes Ernst Froebel, regelmäßig nach Berlin-Reinickendorf. Es ist kein wirklich offizieller Besuch, obwohl sie auch Schulen besuchen, um mit Kindern und Jugendlichen über ihre zerstörtes Dorf zu sprechen, sind es Freundschaften, die sie hier in langen Jahren aufgebaut haben. Seit ihrem ersten Besuch, ich war damals noch Bürgermeister in Reinickendorf, habe ich sie kennen gelernt. Seitdem verbindet auch uns eine enge Freundschaft, und ich bin immer noch beeindruckt von der Offenheit, mit der diese Menschen auf mich zukamen, obwohl es Deutsche waren, die ihnen die Heimat, die Männer und die Väter nahmen.
Der Grund für dieses Massaker war ein sinnloser Racheakt der Nazis: 1942 ist Lidice nur irgendein kleiner Ort in der von der deutschen Wehrmacht seit 1939 besetzten "Rest-Tschechei". Das Attentat auf den SS-Obergruppenführer und Stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, rückt den Ort in das Blickfeld der Gestapo. Die Suche nach Schuldigen, die "Notwendigkeit", einer unterdrückten Nation die unbegrenzte Macht des nationalsozialistischen Regimes zu beweisen, ein fehlinterpretierter Brief, der der Gestapo zugespielt wird, der Name Lidice fällt. Am 9. Juni, nach einer Führerbesprechung, steht der Beschluss, die Ortschaft auszulöschen.
Noch in derselben Nacht wird Lidice von Einheiten der Ordnungspolizei und Gestapo umstellt. Eine Wehrmachtseinheit riegelt das Gebiet ab. Die Erschießung erledigt ein Exekutionskommando unter dem SS-Hauptsturmführer Max Rostock. Die Häuser des Dorfes werden in Brand gesteckt, dann gesprengt, jeder einzelne Stein wird abgetragen, selbst vom Friedhof entfernen die nationalsozialistischen Machthaber jeden Grabstein, der Bach wird umgeleitet, die Felder werden eingeebnet. Die Arbeiten dauern über ein Jahr. Man ist gründlich. Der Ort soll endgültig und unwiderruflich verschwinden, von den Landkarten wie auch aus jeder Erinnerung.
Wenigstens dies ist den nationalsozialistischen Machthabern damals nicht gelungen: Das Dorf konnte aus Spenden nach dem Krieg wiederentstehen, die ausgegrabenen Ruinen, eine Gedenkstätte heute, erinnern am Ort an das schreckliche Verbrechen. Erschüttert vom Schicksal Lidices, gaben sich Gemeinden in den USA, in Brasilien und Mexiko, in Indien und Südafrika seinen Namen: Lidice.
Aber auch heute, gerade heute, nicht nur weil sich der Jahrestag der Zerstörung Lidices zum 60. Mal jährt, ist es meine Überzeugung, dass es unsere Pflicht ist, in Deutschland an dieses schreckliche Verbrechen zu erinnern, sondern auch, da das deutsch-tschechische Verhältnis vor einer Bewährungsprobe zu stehen scheint.
Die derzeitige Art der Diskussion um die Benes-Dekrete ist meines Erachtens ein fataler Fehler. Nicht umsonst hat man mit der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997 die Benes-Dekrete zum Wohle der deutsch-tschechischen Beziehungen als Prüfstein der Vergangenheit ausgeklammert und ausdrücklich und ausschließlich auf die Zukunft gesetzt, indem man erklärte, dass "jede Seite ihrer Rechtsordnung verpflichtet bleibt und respektiert, dass die andere Seite eine andere Rechtsauffassung hat. Beide Seiten erklären deshalb, dass sie ihre Beziehungen nicht mit aus der Vergangenheit herrührenden politischen und rechtlichen Fragen belastet werden."
Jetzt scheint es, dass durch den Wahlkampf zweier Männer, die Regierungschefs werden wollen, Edmund Stoiber auf deutscher, Vladimir Spidla auf tschechischer Seite, dem Aufeinanderzugehen unserer Länder mit einigen groben populistischen Gesten ein großer Schaden zugefügt wurde. Noch bedenklicher ist, dass das Thema überhaupt zum Wahlkampf taugt. Um für die Zukunft zu verhindern, dass die Vergangenheit zwischen dem deutschen und dem tschechischen Volk steht, müssen wir lernen, zum Grundkonflikt zurückzukehren, um ihn lösen zu können. Dabei ist ein Aufeinanderzugehen, ein Verstehen der Motive und Ängste beider Seiten unabdingbar. Dies wäre einfacher, würden nicht grenzüberschreitend von Politikern die Ängste der Menschen vor Rückgabeforderungen der Vertriebenen geschürt. Die meisten Sudetendeutschen wollen jedoch von tschechischer Seite weiter nichts, als die Anerkennung erlittenen Unrechts. Dazu gehört natürlich auch, einige der Benes-Dekrete für Unrecht zu erklären. Dies kann nicht die Gesamtheit der Dekrete umfassen - das würde den große symbolischen Wert der Dekrete, die nach dem Zweiten Weltkrieg quasi den Staatsgründungsakt der Tschechoslowakei vollendeten und juristisch die Grundlage der heutigen tschechischen Rechtsordnung bilden, verkennen - aber Schilys Vorschlag, im Gegenzug mit dem Verzicht auf alle Eigentumsansprüche zu antworten, ist sicherlich der einzig richtige Weg.
Es ist wichtig, jetzt einen ersten Schritt wieder aufeinander zu zu machen. Ein sichtbares Gedenken in der Bundesrepublik Deutschland, an die Opfer von Lidice, wäre ein Zeichen, dass wir nichts vergessen haben. Ein kleiner Schritt in der Verständigung unserer Völker, aber ein wichtiges Zeichen für unsere Freundschaft. Nehmen wir uns ein Beispiel an den Überlebenden Lidices, die uns trotz ihrer schrecklichen Erfahrungen mit Deutschland die Hand gereicht und sie nicht mehr losgelassen haben.

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