26.04.2012
Kein Ansturm tschechischer Arbeitskräfte
(DTPA/MT) PRAG: Am 1. Mai 2011 öffneten die letzten EU-Länder ihren Arbeitsmarkt für Arbeitskräfte der 2004 beigetretenen EU-Länder. Seitdem können auch Tschechen ohne Arbeitsgenehmigung und andere Beschränkungen in Deutschland arbeiten. Ein Jahr später ist von einem Ansturm tschechischer Arbeitskräfte nach Deutschland jedoch wenig zu spüren. Dies bestätigten die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer (DTIHK) sowie Expertenorganisationen und Unternehmen in Deutschland. Allerdings sind direkt im Grenzbereich erste Erfolge zu verbuchen, die sich für beide Seiten auszahlen.
Ein Jahr nach der Aufhebung der Freizügigkeitsbeschränkung auf dem deutschen Arbeitsmarkt nahm die Arbeitsmigration aus Tschechien und anderen "jüngeren" EU-Mitgliedern nach Deutschland kaum zu. Dies geht aus den Ergebnissen einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) hervor. "Wir haben bei IHKs vor Ort gefragt, inwieweit Arbeitskräfte aus Osteuropa auf den deutschen Arbeitsmarkt dringen. Die Antworten zeigten klar: nur vereinzelt", so DIHK-Arbeitsmarktexperte Stefan Hardege. Bernard Bauer, Geschäftsführer der DTIHK bestätigt diese Entwicklung: "Wir sehen dies in unserer täglichen Vermittlungspraxis genauso wie unsere Dachorganisation in Berlin: Die Bewegungen haben entsprechend unseren Erwartungen kaum zugenommen." Die vergleichsweise geringe Veränderung belegen auch die Zahlen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Demnach sind zwischen Januar und September 2011 nur rund vier Tausend Tschechen zum Arbeiten nach Deutschland gekommen.
Bernard Bauer kennt die Gründe für die relativ geringe Arbeitsmobilität: "Das Lohnniveau gleicht sich beiderseits der Grenze immer mehr an, vielen Tschechen ist ihr vertrautes Lebensumfeld wichtig und oft stellen Sprachkenntnisse eine zusätzliche Hürde dar."
Deutsche Unternehmen beiderseits der Grenze haben dabei großes Interesse an qualifizierten tschechischen Arbeitnehmern, denn sie haben mit einem zunehmenden Fachkräftemangel zu kämpfen. "Wie wir von unserer Dachorganisation in Berlin wissen, kann ein Drittel der Betriebe in Deutschland offene Stellen zwei Monate oder länger nicht besetzen. Das sind 1,3 Millionen Arbeitsplätze!", erklärt Bernard Bauer. "Betroffen sind vor allem technikorientierte Branchen wie Fahrzeugbau und Elektrotechnik, aber auch die Gesundheitswirtschaft."
Darauf reagieren die deutschen Industrie- und Handelskammern, Arbeitsagenturen und Berufsschulen in der Nähe zur tschechischen Grenze unterschiedlich. "Die IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim arbeitet in Kooperation mit der Regierung der Oberpfalz im Projekt ‚Wir sind Europa‘ an einer Fachkräfteinitiative für die grenzüberschreitende Region", sagt Josef Beimler, stellvertretender Geschäftsführer der IHK Regensburg. "Auch im Bereich Ausbildung gibt es grenzüberschreitenden Austausch. So plant eine Berufsschule in unserem IHK-Bezirk ab September 2012 eine gemischte Berufsschulklasse mit Tschechen und Polen im Beruf Industriemechaniker."
Gerade entlang der Grenze finden deutsche Unternehmen oft auch Arbeitskräfte aus Tschechien, die bereit sind in Deutschland zu arbeiten, bestätigt Joachim Ossmann, Leiter der Agentur für Arbeit im bayerischen Schwandorf: "Wir haben in der Grenzregion ab 1. Mai 2011 ein verstärktes Interesse tschechischer Arbeitskräfte feststellen können. Dieses konzentriert sich auf den grenznahen, pendelbaren Raum." Die bayerischen Arbeitsagenturen unterstützen die Unternehmen aktiv bei der Arbeitnehmersuche in Tschechien. Sie nehmen an Hochschulmessen teil, veranstalten Beratungstage in grenznahen tschechischen Arbeitsämtern und wollen ab Mai 2012 ein Büro im Arbeitsamt Pilsen eröffnen.
Bernard Bauer begrüßt den grenzübergreifenden Austausch von Know-How und Personal in beide Richtungen, betont aber: "Neben dem demografischen Wandel ist die Fachkräfteverfügbarkeit vor allem eine Frage des Ausbildungssystems. Und hier gibt es noch viel zu tun, weil auch für die Firmen in Tschechien technisch und praktisch gut ausgebildete Nachwuchskräfte immer schwieriger zu finden sind."

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