25.02.2002
Junge Tschechen und Deutsche verurteilen Politiker
(DTPA/MT) THERESIENSTADT: Das deutsch-tschechische Jugendforum traf sich am Wochenende in Theresienstadt (Tschechien) und äußerte sich kritisch zu den aktuellen Geschehnissen im deutsch-tschechischen Dialog. Vierzig Jugendliche zwischen 16 und 26 Jahren, die zum Teil aus deutschen und tschechischen Verbänden in dieses Gremium entsandt wurden, aber vor allem persönliches Interesse an den deutsch-tschechischen Beziehungen haben, verabschiedeten ein Memorandum als eine kritische Reaktion auf die aktuellen fragwürdigen Äußerungen vom tschechischen Ministerpräsidenten Miloš Zeman. Das Jugendforum bedauert die gegenwärtige Belastung des deutsch- tschechischen Dialogs durch diese Äußerungen.
Das Ziel des Jugendforums ist die zukunftsorientierte Beteiligung am deutsch- tschechischen Dialog - ohne die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fehlt jedoch der Grundstein für die gemeinsame Arbeit. "Die Geschichte ist für die gegenseitige Verständigung sehr wichtig," betonte Prof. Dr. Jan Kren in der Diskussion mit seiner Kollegin Prof. Dr. Michaela Marek und den Jugendlichen. Beide Historiker waren am Wochenende zu Gast bei dem Treffen des Jugendforums und haben den Jugendlichen die Arbeit der Kommission vorgestellt. Viele Diskussionsbeiträge forderten die Historikerkommission auf, aufgrund der aktuellen Geschehnisse die Öffentlichkeit für die deutsch-tschechischen Themen zu sensibilisieren und diese wahrheitsgetreu zu erklären. Dadurch könnte der missbräuchlichen Verwendung der Geschichte für populistische Äußerungen die Grundlagen entzogen werden.
Das deutsch-tschechische Jugendforum hat sich im November 2001 in Bayreuth konstituiert und sieht es als eine seiner Hauptaufgaben an, die Stimme der Jugend im deutsch- tschechischen Gesprächsforum zu vertreten. Im März 2002 werden die Sprecher des Jugendforums an der Konferenz des Koordinierungsrates des Gesprächsforums einen Beitrag zu dem Thema "Die Zukunft der deutsch-tschechischen Beziehungen" vortragen.
Die Arbeitsgruppen des Jugendforums zu den Bereichen Medien/Öffentlichkeitsarbeit, Kinder, Jugendbegegnung und Geschichte werden zwischen den halbjährigen Sitzungen des deutsch-tschechischen Jugendforums grundlegende Vorarbeit leisten. Als eine weitere Aufgabe beschloss das Plenum, konkrete Jugendprojekte zur deutsch-tschechischen Verständigung zu unterstützen.

Kontaktpersonen: Matthias Braun (Deutscher Sprecher)
Tel.: 0049 - 941 - 94 28 125
Email: matthias.braun@stud.uni-regensburg.de

Ondrej Matejka (Tschechischer Sprecher)
Tel.: 00420 - 604 - 47 49 14
Email: omatejka@email.cz

Memorandum "Jugendforum gegen destruktive Diskussionsweise zwischen Deutschen und Tschechen":
Die in den letzten Wochen zwischen Prag und Wien wieder aufgeflammte Diskussion über "historische Altlasten" hat schnell auf den deutsch-tschechischen Dialog übergegriffen und ihn unnötigerweise belastet. Die in Schwarz-Weißmalerei vorgetragenen Argumente haben gezeigt, dass die gegenseitigen Beziehungen immer noch sehr zerbrechlich sind. Schnell endet man in der Diskussion zwischen Tschechen, Deutschen und Österreichern immer wieder bei geschichtlichen Fragen.
Trotz aller rein zukunftsorientierten Erklärungen zeigt sich daran deutlich, wie tief die gemeinsame Geschichte unsere heutigen Beziehungen prägt. Am Beispiel der aktuellen Äußerungen von Milos Zeman und Vaclav Klaus und einigen darauf folgenden Reaktionen sieht man, wie leicht sich die Geschichte in populistischen Äußerungen missbrauchen lässt. Um so größeren Wert legen wir auf eine ernsthafte Beschäftigung mit der Vergangenheit. Diese ist in der öffentlichen Diskussion der letzten Jahre leider von deutscher wie von tschechischer Seite vernachlässigt worden. Isoliert von der Vergangenheit lässt sich jedoch weder Gegenwart begreifen, noch Zukunft verantwortlich gestalten. Das deutsch-tschechische Jugendforum setzt sich deshalb für einen konstruktiven Umgang mit der Vergangenheit ein.
Die oberflächliche Art und Weise der aktuellen politischen Argumentation wirkt sich hemmend auf die deutsch-tschechische Verständigung auch im gesellschaftlichen Bereich aus. So wird die jahrelange Arbeit vieler Organisationen und engagierter Einzelpersonen auf diesem Gebiet unnötig erschwert. Damit Geschichte weder tot geschwiegen noch irrational instrumentalisiert werden kann, ist vor allem Mut zur sachlichen Kontroverse gefragt. Kurzfristige politische Ziele dürfen diesen Bemühungen nicht übergeordnet werden
Aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz muss besonders die Historikerkommission in die Pflicht genommen werden. Sie hat einen bildungspolitischen Auftrag wahrzunehmen und verstärkt an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir fordern den Koordinierungsrat auf, sich offen und ohne politische Scheuklappen gerade auch mit den kontroversen Kapiteln der deutch-tschechischen Geschichte zu beschäftigen.

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