24.01.2002
Der Umgang mit Vergangenen
(DTPA/MT) OBERURSEL: Zwölf Jahre sind seit der politischen Wende im Jahre 1989 vergangen. Die Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa e.V. (GFPS) nutzte diese Gelegenheit und lud am 19. Januar zu einer Podiumsdiskussion nach Oberursel ein. Das Thema lautete "Zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der historische Umbruch von 1989 und seine heutige Bewältigung in Deutschland, Polen und Tschechien". Als Referenten waren Christiane Brenner (Collegium Carolinum), Dieter Bingen (Deutsches Polen Institut, Darmstadt) und Helmut Fehr (HU Berlin) angereist.
Brenner referierte über die Situation in der Tschechischen Republik, wo große Erfolge bei der Aufarbeitung in den letzten Jahren erzielt worden seien. Zwar bröckelte die antikommunistische Stimmung mit wirtschaftlichen Einbrüchen Mitte der 90-er Jahre, doch eine "Ostalgie" sei in Tschechien nicht festzustellen, versicherte Brenner. Die Historikerin verwies bezüglich einer Vergangenheitsdebatte auf die Entwicklung der politische Kultur, die jüngst begonnen habe und daher ein politischer Dialog erst noch wachsen müsse.
"Eine systematische Aufarbeitung findet derzeit in Polen statt", erklärte Dieter Bingen. Zeitungen und Massenmedien böten heute ein Ort für die intensive Beschäftigung mit der kommunistischen, aber auch nationalsozialistischen Zeit. "Jedwabne", so sagte der Politologe Bingen, "stelle die erste große historische Debatte in Polen dar". Bingen räumte jedoch ein, dass die Bevölkerung sich durch die aufklärerischen Berichte kaum leiten ließe und politische Entscheidungsprozesse vielmehr von einem brauchbaren Parteiprogramm entschieden werden. Eine "Abstrafung" des alten Regimes finde, laut Bingen, in Polen nicht statt.
Der Privatdozent Helmut Fehr konnte in diesem Punkt Parallelen zu Deutschland ziehen. "In der Öffentlichkeit ist so gut wie keine Resonanz der Vergangenheitsbewältigung zu finden" erklärte er. Dagegen werde die Diskussion über die Vergangenheit von der Politik aufgegriffen, so dass es hier immer wieder zu Polarisierung komme. Doch auch in diesem Fall, analysierte Fehr, lasse sich die Bevölkerung davon nicht beeinflussen.
Dennoch waren sich alle Referenten einig, dass eine Auseinandersetzung mit der Geschichte unabdingbar und entscheidend für die Konsolidierung der jungen Demokratien in Polen und Tschechien sei.
Der Veranstalter GFPS ist eine studentische Organisation, die Stipendien an polnische und tschechische Studierende vergibt. Die Podiumsdiskussion war Bestandteil des Stipendiatenseminars, bei dem die Stipendiaten und Stipendiatinnen ihre Forschungsergebnisse vorstellten.

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