23.09.2009
Mitgliederversammlung der Euregio Egrensis
(DTPA/PF) REHAU:Hans-Jörg Schmidt (Bild), ein renommierter Journalist aus Prag, präsentierte der diesjährigen Mitgliederversammlung der bayerischen Euregio Egrensis in Rehau als Gastredner ebenso hintergründige wie authentische Einblicke in deutsch-deutsch-tschechische Befindlichkeiten. Beinahe wäre er nicht nach Rehau gekommen, erzählt er einführend, weil sich die aktuellen Ereignisse mit Blick auf die abgesagten Neuwahlen und die damit verbundene Verfassungskrise in Prag überstürzt hätten. In diesem politischen Desaster spiegeln sich für ihn "die unglaubliche Lust der Tschechen am Chaos" und eine bedenkliche Demokratieverdrossenheit. Tatsächlich wollten sich nur noch 50 % der Bürger an Wahlen beteiligen und die angesehene tschechische Tageszeitung Mladá Fronta Dnes stellte dieser Tage eine weit verbreitete Verärgerung über das Verhalten der Politiker fest. Dabei waren "Freie Wahlen!" eine der Hauptforderungen der Samtenen Revolution 1989.
Überhaupt offenbaren sich beim Umgang mit dem 20-jährigen Jubiläum für Schmidt, der 1989 seinen Arbeitsplatz aus Berlin nach Prag verlegte, deutliche Unterschiede zwischen Deutschland und Tschechien. Zwar präsentiert auch das tschechische Fernsehen eine Erinnerungsserie unter dem Titel "20 Jahre Freiheit", aber in der tschechischen Politik spiele das Thema kaum eine Rolle. Das nostalgische Verhältnis zur Vergangenheit, wie er es aus der ehemaligen DDR kenne, gebe es in Tschechien nicht, und Jugendliche hielten Errungenschaften wie die offenen Grenzen und die deutsche Einheit heute für Selbstverständlichkeiten.
Bemerkenswert ist für Schmidt wiederum, dass die junge Generation in Tschechien heute ein Thema wie die Vertreibung in Publikationen, Theaterstücken, Filmen etc. von sich aus aufarbeite. Das von Ex-Premierminister Paroubek angestoßene Projekt zur Dokumentation deutscher Hitlergegner in der damaligen ČSR krönte diese Entwicklung. Dass man gelegentlich den Vorwurf höre, die Beschäftigung mit dieser Vergangenheit hätte schon viel früher beginnen müssen, hält Schmidt für ungerecht.
Er warnt vor überheblichen Urteilen gegenüber Tschechen, die nach dem Umbruch - auch ohne Hilfe von außen - tätig geworden seien, und plädiert für mehr Austausch zwischen Tschechen und Deutschen, für mehr Kennlernen und für mehr Sprachkenntnisse. Sein Motto: "Wir müssen aus dieser Freiheit etwas machen."
Diesem Motto könnte die Präsidentin der bayerischen Arbeitsgemeinschaft der Euregio Egrensis, Dr. Birgit Seelbinder, ohne weiteres zustimmen. Engagiert setzt sie sich auf der Mitgliederversammlung dafür ein, die Nachbarschaft zwischen Bayern, Sachsen/Thüringen und Böhmen weiter zu beleben. Bis 2013, berichtet sie, stünden für grenzüberschreitende Projekte im gesamten bayerisch-tschechischen Grenzraum insgesamt 115,5 Mio. EUR aus dem Interreg IV-Programm zur Verfügung.
Für Kleinprojekte stehen auf der bayerischen Seite jährlich 300.000 EUR zur Verfügung. Angesichts des enormen Interesses an der Förderung – der Fördersatz wurde in Bayern von bisher 50 % auf nunmehr 70 % erhöht - rät Seelbinder potenziellen Antragstellern, sich in der Marktredwitzer Geschäftsstelle beraten zu lassen, um den erhöhten Qualitätsansprüchen an europäische Projekte genügen zu können.
Zu den herausragenden Erfolgen in der Arbeit der Euregio Egrensis zählt in Seelbinders Bilanz die von der bayerischen Euregio 2006 auf den Weg gebrachte "Sprachoffensive" zur Verbesserung der Sprachkompetenz in Tschechisch. Ihre Angebote werden inzwischen von so gut wie allen Schularten im gesamten Euregio-Gebiet wahrgenommen. Auch Vertreter aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik forderten nach Seelbinder immer öfter eine stärkere Auseinandersetzung mit der Sprache und Kultur des Nachbarlandes, allen voran Ministerpräsident Horst Seehofer. Dieser habe in der Prager Zeitung betont, dass "mit der engeren wirtschaftlichen Verflechtung Tschechisch-Kenntnisse auch beruflich immer wichtiger würden". Seelbinder bedauert freilich, dass das Thema Tschechisch an bayerischen Schulen "in München nicht so offensiv vorangetrieben wird, wie wir uns das wünschen würden".
Erfreut kommt die Präsidentin schließlich auf einen Besuch aus Luxemburg zu sprechen. Die Prüfer des Europäischen Rechnungshofes durchleuchteten zum ersten Mal die Arbeit der Euregio-Geschäftsstelle in Markredwitz und untersuchten dabei akribisch Kleinprojekte aus dem Jahr 2007. Das Ergebnis war ein ausdrückliches Lob für die Arbeit der Euregio, das Seelbinder in ihrem Bericht mit der Mahnung an die Projektträger verbindet, Förderanträge und Verwendungsnachweise sehr ernst zu nehmen.
Ohne Beanstandung wurde der Rechnungsabschluss der bayerischen Euregio Egrensis für das Jahr 2008 bestätigt und der von Geschäftsführer Harald Ehm vorgestellte Haushalt 2009 verabschiedet. (Bildquelle: Pit Fiedler)
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