19.07.2000
Kampf gegen Kindesmissbrauch durch Pädophile
(DTPA) PRAG/BERLIN: Das im tschechischen Grenzgebiet auf deutsche Freier abgestimmte Geschäft mit dem Sex gehört zu den unangenehmsten Kapiteln der deutsch-tschechischen Beziehungen. In grenznahen Städten wie Cheb (Eger) oder entlang von Schnellstraßen wie der "E 55" von Dresden nach Prag hat sich die Prostitution etabliert. Nach den Erfahrungen von Sozialarbeitern werden vor allem von deutschen Männern auch Minderjährige für Sex-Spiele missbraucht. "Alles Perverse findet hier statt. Alles, was nicht vorstellbar ist, gibt es hier", sagte Ludmila Irmscher der in Chemnitz erscheinenden Freien Presse. Ludmila Irmscher ist Streetworkerin beim grenzüberschreitenden Projekt Karo e.V. Adorf (bei Plauen). Das Hilfsprojekt will auf den grausigen Zustand für die tschechischen Prostituierten aufmerksam machen. Im Frühjahr haben die sächsischen PDS-Landtagsabgeordnete Cornelia Ernst und der Fraktionsmitarbeiter Hans-Jürgen Mertha eine Nacht lang die Sozialarbeiterinnen vom Karo-Projekt begleitet. Entsetzt waren beide vom perversen Treiben deutscher Männer jenseits der Grenze. Mertha: "Mit einer Selbstverständlichkeit zwingen Freier hier Kinder zu Handlungen, für die sie der Zuhälter in Deutschland krankenhausreif schlagen würde." Das Durchschnittsalter der Prostituierten beträgt schätzungsweise 16 Jahre. Bereits fünf- bis achtjährige Kinder befinden sich im "Angebot". Cornelia Ernst entschließt sich, wegen der Kinderprostitution einen Offenen Brief an vier sächsische Minister zu schreiben. Unterstützung finden sie beim Gesundheitsminister Hans Geisler.
Mit Flugblättern und Aktionspostkarten will man auf deutscher Seite an den Grenzübergängen auf den Missstand aufmerksam machen. Tschechien will das schmutzige Geschäft mit einem "Nationalen Plan" stärker als bisher bekämpfen. Eine Zusammenarbeit beider Länder bei der Feststellung von Pädophilen, die Kinder missbrauchen, ist bisher nicht zustande gekommen. Der deutsche Innenminister Otto Schily sagte dem SPIEGEL: "Die Verhandlungen über den Informationsaustausch sind bisher leider nicht zum Abschluss gelangt. Es ist an der Zeit, dass wir versuchen, diese zäh fließenden Verhandlungen zu beschleunigen. Es kann ja nicht sein, dass irgendwelche Probleme mit Datenschutzklauseln eine Zusammenarbeit verhindern."
Beim Karo e.V. glaubt man indes, dass die tschechische Seite die Situation nicht wahrhaben will. In offiziellen Statistiken gibt man die Aufklärungsrate bei Fällen von Kindesmissbrauch in Tschechien mit nahezu 100 Prozent an.
Der deutschen Grenzpolizei bleibt somit nur, Flugblätter zu verteilen, mit dem Aufruf, "Verdächtiges" umgehend zu melden. Im Internet findet man Informationen zu dieser Aktion unter www.Tschechien.de.
Tschechische Experten begrüßen dagegen das Verteilen der Flugblätter nicht uneingeschränkt. Die Leipziger Volkszeitung zitiert Laszlo Sünegh vom Prager Projekt Chance: "Wenn ein deutscher Pädophiler das in die Hand kriegt, ruft er seine Kumpels an und sagt, da fahren wir hin, da gibt es billigen Sex."
Innenminister Otto Schily sieht im Kampf gegen Kindesmissbrauch beide Länder in der Pflicht. Gelingen kann das nur durch die Zusammenarbeit der Polizei auf beiden Seiten der Grenze.

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