03.04.2006
DTIHK-Konjunkturumfrage 2006
(DTPA/MTL) PRAG: Fast zwei Jahre nach dem Beitritt zur Europäischen Union geben die deutschen Unternehmen dem Standort Tschechien weiter gute Noten. Im Jahr der Parlamentswahlen aber werden die Mahnungen an Politik und Administration lauter, die Rahmenbedingungen des geschäftlichen Umfeldes zu verbessern. Dies ist das Fazit der jährlichen Konjunkturumfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK) in Prag bei deutschen Investoren in der Tschechischen Republik. An der Umfrage beteiligten sich 104 Unternehmen aus den Bereichen Industrie, Handel und Dienstleistungen.
„Nahezu die Hälfte aller befragten Unternehmen (48 %) bewertet die Lage der tschechischen Wirtschaft als gut, 47 % vergeben die Note befriedigend und nur 5 % schätzen die aktuelle Wirtschaftslage als schlecht ein,“ sagte Jan Immel, Leiter Unternehmenskommunikation der DTIHK, bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse. Auch für 2006 überwiegen die Optimisten deutlich: 31 % der befragten Unternehmen rechnen damit, dass es der tschechischen Wirtschaft 2006 besser gehen wird als 2005, nur 2 % erwarten härtere Zeiten. „Gemessen daran, dass 2005 das bis dahin beste Jahr der tschechischen Wirtschaft war, dokumentiert diese Einschätzung das Vertrauen der deutschen Unternehmen in den Standort“, kommentierte Dieter Mankowski, Geschäftsführender Vorstand der DTIHK, das positive Umfrageergebnis.
Noch optimistischer sind die Erwartungen an die eigene Geschäftsentwicklung: 53 % der Umfrageteilnehmer halten die eigene Geschäftslage derzeit für gut und 42 % für befriedigend. Für 2006 erwarten erneut 42 % eine Verbesserung der Geschäftslage, 52 % gehen von einer unveränderten Entwicklung aus. Die gute Stimmung spiegelt sich auch in der Umsatzentwicklung wider. Steigende Umsätze im Jahr 2005 erzielten 62 % der Firmen, annähernd die gleiche Anzahl von Betrieben erwartet auch 2006 Umsatzsteigerungen. Fast die Hälfte der Unternehmen (47 %) berichtet über einen Gewinnanstieg im vergangenen Jahr. Ebenso viele erwarten auch im laufenden Jahr eine weitere Steigerung der Gewinne.
„Die generell gute Gesamtverfassung der deutschen Investoren fördert zugleich die Investitionslust der Betriebe, auch wenn mehr als die Hälfte von höheren Gesamtkosten in diesem Jahr ausgeht“, betonte Jan Immel. Der Umfrage zufolge wollen 51 % der Unternehmen ihre Investitionsausgaben steigern, nach immerhin 46 % im Vorjahr. Nur jedes zehnte Unternehmen will in diesem Jahr weniger Geld in die Hand nehmen.
Auch für den Arbeitsmarkt stehen die Vorzeichen gut. 44 % planen, im Jahr 2006 neue Mitarbeiter einzustellen. „Die Impulse für mehr Beschäftigung könnten allerdings noch höher sein, wenn der Arbeitsmarkt endlich tiefgreifend und unternehmensfreundlich reformiert würde. Das derzeitige Arbeitsrecht ist gewiss nicht der bestmögliche Wurf, und dass die Einführung einer Beitragsbemessungsgrenze in der Sozialversicherung erneut im Parlament scheiterte, wirkt sich als Nachteil für die Attraktivität des Standortes aus“, erklärte DTIHK-Geschäftsführer Dieter Mankowski.
Der Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union findet bei den deutschen Unternehmen große Zustimmung. Die Mitgliedschaft in der EU führte teilweise zu besseren Rahmenbedingungen für die Betriebe. Damit einher ging ein Anstieg der ‚gefühlten Rechtssicherheit‘. Daher überrascht es nicht, dass die EU-Mitgliedschaft bei den Standortfaktoren am besten abschneidet. Der Einführung des Euro, als finaler Schritt der vollen wirtschaftlichen Integration in die EU, stehen die Firmen ebenfalls deutlich positiv gegenüber. Drei Viertel (76 %) der befragten Unternehmen sprechen sich für eine Übernahme des Euro und damit für mehr währungspolitische Verlässlichkeit aus. Sie setzen damit zugleich ein deutliches Zeichen in Richtung der Euroskeptiker. „Inzwischen rechnet mehr als jedes zweite Unternehmen (54 %) mit einem tschechischen Beitritt zur gemeinsamen Währungszone im Jahr 2010“, sagte Jan Immel.
Unter den Standortfaktoren, die Tschechien auszeichnen, besitzt der Arbeitsmarkt eine hohe Bedeutung. Als besonders positiv gelten die Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer, ihre Qualifikation sowie die Arbeitskosten. Auch die lokalen Zulieferer schneiden in punkto Verfügbarkeit bei der Umfrage gut ab. Wenig Anlass zur Zufriedenheit bieten die Arbeit der Verwaltung, die Bekämpfung der Korruption sowie die Transparenz bei öffentlichen Ausschreibungen in Tschechien. Diese Kriterien werden von den Firmen am schlechtesten bewertet. Trotz der insgesamt positiven Bewertung der Mitarbeiter sehen die Unternehmen großen Reformbedarf auf dem Arbeitsmarkt. Geschäftsführer Dieter Mankowski verwies auf eine Umfrage der DTIHK zur beruflichen Bildung im Dezember 2005. „Rund zwei Drittel der damals befragten Unternehmen erklärten, dass der Arbeitsmarkt vor allem im technisch-gewerblichen Bereich nicht genügend gut qualifizierte junge Fachkräfte hergibt“, erinnerte er an eine Kernaussage zu der Umfrage. Die Ursache sehen die Betriebe im theorielastigen Unterricht an tschechischen Berufsschulen. Die Konsequenz muss nach Meinung der Unternehmen und der DTIHK deshalb sein, mehr Praxis in der ‚Ausbildung’ zu gewährleisten.
Das allein reicht nicht: Die Unternehmen fordern von der Politik weitere Reformen, damit der Standort Tschechien auch künftig für Investoren attraktiv bleibt. „Die Hinweise der Betriebe lesen sich wie eine Liste der nicht gemachten Hausaufgaben“, betonte Jan Immel. Neben einer Reform des Steuersystems wollen die Firmen vor allem einen klaren Kurs bei der Bekämpfung von Korruption und Kriminalität sehen. Die Rechtssicherheit lässt nach Auffassung der Firmen noch immer zu wünschen übrig, und die überfälligen Reformen im Gesundheits- und Rentensystem dürfen nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden.
Die Konjunkturumfrage 2006 der DTIHK unterstreicht, dass der Standort über gute Voraussetzungen für ausländische Investoren verfügt. Zugleich zeigt sich aber, dass nicht alle Voraussetzungen des Geschäftsumfeldes den Ansprüchen der Firmen genügen. Anlass zur Kritik gibt es an verschiedenen Stellen. Die Politik sollte nach Meinung der Unternehmen und der DTIHK diese Signale ernst nehmen. Deutsche Unternehmen zeichnen verantwortlich für mehr als ein Viertel der kumulierten ausländischen Direktinvestitionen in Tschechien seit 1993. „Angesichts der insgesamt positiven Entwicklung im Land würden drei Viertel der in Tschechien befragten Unternehmen ihre Entscheidung zugunsten des Landes erneut so treffen“ berichtete Dieter Mankowski. Unter den für Auslandsinvestitionen interessanten Zielländern nimmt die Slowakei den Spitzenplatz ein. Das Land erwarb sich bei Investoren einen besonders guten Ruf durch die Einführung der Flat-tax und liegt im Ranking von insgesamt 15 Nationen als einziges Land vor Tschechien. Die Volksrepublik China landet auf Platz 3, Deutschland nimmt den 10. Platz ein.

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