16.02.2006
Mehr Praxis bei gewerblicher Ausbildung
(DTPA/MT) PRAG: „Die technisch-gewerbliche Ausbildung in Tschechien braucht dringend einen höheren Praxisanteil. Immer mehr Betriebe zeigen sich unzufrieden mit der fachlichen Qualifikation von Berufsanfängern im gewerblich-technischen Bereich“. Dieses Fazit zieht die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer (DTIHK) aus den Ergebnissen einer Meinungsumfrage zur beruflichen Bildung bei deutschen Investoren in Tschechien. An der Umfrage der Kammer im Dezember 2005 beteiligten sich insgesamt 111 Unternehmen aus den Bereichen Industrie, Handel und Dienstleistungen mit Firmensitz in Tschechien.
„Rund zwei Drittel der befragten Unternehmen meinen, dass der Arbeitsmarkt insbesondere im technisch-gewerblichen Bereich nicht genügend gut qualifizierte junge Fachkräfte hergibt“, betont Dieter Mankowski, Geschäftsführer der Deutsch-Tschechischen IHK. Die Ursache hierfür sähen die Betriebe in der Theorielastigkeit des Unterrichts an tschechischen Berufsschulen (Mittelschulen), erklärt Mankowski. Als Konsequenz aus den Ergebnissen der Befragung sei deshalb mehr Praxis in der ‚Ausbildung’ erforderlich. Dies würde die jungen Fachkräfte besser in die Lage versetzen, die gestiegenen Anforderungen des beruflichen Alltags in den Firmen erfolgreich zu bewältigen.
Am dringendsten gesucht werden Ingenieure. Allein 23 Prozent der Unternehmen sehen hier Probleme, ihren Bedarf an jungen Fachkräften zu decken. Immerhin mehr als ein Fünftel der Betriebe ist der Meinung, dass nicht genügend Fachkräfte im gewerblich-technischen Bereich insgesamt verfügbar sind; 15 Prozent meinen, dass nicht genügend einfache Arbeiter zu finden seien. Ebenfalls 15 Prozent der Firmen nennen mit Vertriebspezialisten ein Arbeitsfeld, das nicht direkt dem gewerblich-technischen Sektor zuzuordnen ist.
Die akademische Ausbildung in Tschechien wird dagegen vergleichsweise positiv beurteilt. So erkennen 23 Prozent der Befragten einen guten Vorbereitungsstand der Hochschulabgänger für die berufliche Praxis, 17 Prozent finden das Ausbildungsniveau unzureichend. Aber nur 13 Prozent der Unternehmen meinen, dass Berufsanfänger im gewerblich-technischen Bereich ‚gut’ auf die Praxis vorbereitet seien. Immerhin 28 Prozent der Betriebe kritisieren das gegenwärtige Niveau als nicht ausreichend.
Gefragt nach den Stärken und Schwächen des tschechischen Berufsschulsystems (Ausbildung an Mittelschulen), bemängelten die Unternehmen vor allem die Praxisferne des Unterrichts. Ein weiterer Kritikpunkt sei die nicht ausreichende Bereitschaft in den Schulen, sich auf veränderte Herausforderungen einzustellen. Handlungsbedarf sehen die Betriebe zudem bei der Qualifizierung des Lehrpersonals sowie bei der Fremdsprachenausbildung der Absolventen.
„Im Zuge des sich verschärfenden Standortwettbewerbs, auch in der Region Mittelosteuropa, wird es für ein Land immer wichtiger, dass die berufliche Qualifizierung der Nachwuchskräfte mit den steigenden Anforderungen Schritt hält. Bildung ist der Rohstoff der Zukunft“, unterstreicht Mankowski. Immerhin habe ein Viertel der Befragten angegeben, dass sich das Qualifikationsniveau der Berufsanfänger im gewerblichen Bereich verbessert habe. Eine Verschlechterung werde aber mittlerweile schon von 18 Prozent der Betriebe registriert. „Das ist eindeutig zuviel. Wenn die Anforderungen in den Unternehmen steigen, muss sich auch das Ausbildungsniveau in gleichem Maße verbessern“, fordert der DTIHK- Geschäftsführer. Ein Blick auf die Entwicklung im Hochschulbereich zeige, dass dieser im Vergleich mit dem gewerblich-technischen Sektor abermals besser abschneide: 43 Prozent der Firmen freuen sich der Befragung zufolge über ein gestiegenes Qualifikationsniveau bei jungen Akademikern. Nur neun Prozent der Befragten meinen, dass dieses gesunken sei.
Wie die Umfrage weiter zeigt, erwarten die befragten Unternehmen eine sinkende Attraktivität des Standorts Tschechien, wenn man bei der beruflichen Qualifizierung im gewerblich-technischen Sektor nicht unverzüglich beginnt, gegenzusteuern.
Etwas mehr als ein Viertel der Firmen meint, dass ausbleibende Reformen die Attraktivität des Standorts bereits in ein bis drei Jahren beeinträchtigen werden; für 45 Prozent droht dies in drei bis sechs Jahren.
Die Unternehmen zeigen im Rahmen der Umfrage auch Möglichkeiten auf, um die gewerbliche Ausbildung näher an den Erfordernissen der Wirtschaft auszurichten. Erforderlich ist für sie mehr Praxisnähe im Rahmen der Ausbildung beziehungsweise an den ausbildenden Schulen. So plädieren zahlreiche Firmen für duale Ausbildungsgänge nach deutschem Muster oder für die Einführung umfangreicher Pflichtpraktika während der Ausbildung. Darüber hinaus fordern sie den Staat auf, die Ausbildung finanziell zu fördern, etwa durch eine Abschreibungsfähigkeit von Ausbildungskosten oder andere steuerliche Anreize. Bezogen auf einzelne Berufsbilder stehen Ausbildungsgänge für Metallfacharbeiter, Industriemechaniker und Elektroniker bei den Unternehmen besonders hoch im Kurs.
DTIHK- Geschäftsführer Dieter Mankowski zufolge müssen das Ergebnis der Umfrage und die Kritik der Unternehmen zu Konsequenzen führen. Die Kammer werde sich, gemeinsam mit anderen europäischen Auslandshandelskammern in Tschechien, im Interesse der Unternehmen für die notwendige Verbesserung der Situation engagieren.

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