15.12.2005
Buchneuerscheinungen von Jenny Schon
(DTPA/MT) BERLIN: Zwei Buchneuerscheinungen der Berliner Autorin Jenny Schon befassen sich mit dem „Ankommen im neuen Mitteleuropa/Deutschland/Tschechien“: Jenny Schon, Der Graben, Roman, verlag am park/edition ost, Berlin, ISBN 3-89793-112-5 und Jenny Schon, Böhmische Polka/Cesky Polka, dt.-tschechisch, Geest Verlag, Vechta, ISBN 3-937844-67-8.
Eine Rezension von Dr. Horst Schulze: Aus dem großen Herbstangebot der Verlage zur Frankfurter Buchmesse möchte ich die beiden Neuerscheinungen der westberliner Autorin Jenny Schon herausgreifen, weil sie thematisch und sprachlich hervorstechen.
Dem Roman „Der Graben“ wäre auch eine tschechische Übersetzung zu wünschen, wie das schon mit ihrem Gedichtband „Böhmische Polka“ geschehen ist.
Die in Trautenau geborene Jenny Schon führt uns in die Welt der Chinawissenschaftlerin Beata Pütz. Nur langsam findet sie sich in die verlorene Welt ihrer Ahnen, in ihre eigenen Anfänge, die sie selber gar nicht kennt, weil sie mit ihrer Mutter als Dreijährige in die Wilden Vertreibungen gerät.
„Soll das alles mit mir zusammenhängen? Beginnt sich meine Sprache und Wahrnehmung zu verändern in einem anderen Ich? Ich will doch mich finden, nicht das Andere in mir. Das Andere sind Ahnen, die ich gar nicht kenne. Als Kind träumte ich in einer anderen Sprache. Jetzt weiß ich, es war Tschechisch... Je tiefer mein Spaziergang in die Vergangenheit führt, um so mehr verfliegen die Staubpartikel, die den Weg unkenntlich gemacht haben“.
Beata Pütz war schon überall in der Welt, nur noch nicht in ihrer Geburtsheimat. Und eigentlich wäre sie ja viel lieber nach Istanbul gefahren.
Doch sie fährt zwei Jahre nach der „Samtenen Revolution“, und aus der einen Fahrt ins Riesengebirge werden viele. Beata findet bei der Deutschlehrerin Olga und ihrem Freundeskreis Menschen, die sie als Deutschböhmin anerkennen; nicht zuletzt Václav, der gewillt ist, sie pro forma zu heiraten, weil sie in ihrer Geburtsheimat ein Haus kaufen möchte, aber als Deutsche keins kaufen darf. Nahe am Haus verläuft ein Graben.
Nun beginnen die Schwierigkeiten. Der Roman als Ganzes ist ein zusammenhängendes Panorama einer inneren Welt, in der sich die äußere Welt spiegelt. Der Graben erscheint darin als eine in der Erinnerung auftauchende Schreckvision des Liegenbleibens und Verlassenwerdens und zugleich als unausgesprochene Metapher für den im Geschichtsbewußtsein zwischen Tschechen und Deutschböhmen vorhandenen Graben, der aber mit dem Bemühen um ein besseres Verstehen überwunden werden kann.
Wie auch in ihrem Gedichtband „Böhmische Polka“ gelingt es Jenny Schon, ohne es explizit zu benennen, die Spätfolgen der wilden Vertreibungen bewußt zu machen bis hin zur Aufdeckung der fortdauernden seelischen Verletzungen. Beide Bücher sind jedoch mehr als ein Aufdecken der aus der Vergangenheit herrührenden Verletzungen, es wird vor allem der Versuch unternommen, anzukommen im heutigen Mitteleuropa.
Im Gedicht „Der Schrei“ schreibt Jenny Schon: „Schreie dirigieren/In den ersten/Stock in den/Zweiten/Ein Auf/Und Ab/Stiefelstampfen/Jetzt sind/Wir dran/Sagt Mutti/Und verstummt/Wir haben überlebt“.
Da sind die Orte der Kindheit, die Berge, die fließenden Gewässer, da sind vor allem die sprachverschiedenen Menschen und über allem und in allem ist die Spannung gegenwärtig zwischen Liebessehnsucht und Verständnislosigkeit.
In dem Gedicht „Fremd“ spricht die Autorin aus, was sie bewegt und erhofft:
„Männer schauen hin/Frauen schauen weg/Ich bin nackt/In ihrer Sprache/An meinem Busen/Hängen Fragen mein/Schritt gibt/Auskunft/Unverstanden bin/Ich fremd/Wie soll ich ihnen sagen/Daß ich geboren bin/Bei ihnen in/Einer anderen/Sprache/Doch meinen sie zu wissen/Was ich/Will/Ihr Land/Dabei will ich/Ihre Liebe“.

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