01.12.2005
Start: Sprachoffensive in der Euregio Egrensis
(DTPA/MTL) MARKTREDWITZ: Die Euregio Egrensis startet in ihren bayerischen und sächsisch-thüringischen Teilregionen eine umfassende Sprachoffensive mit dem Ziel, die tschechische Sprachkompetenz als Standortvorteil ins Bewusstsein zu rücken.
Tschechisch verstehen und sprechen zu wollen, galt nämlich gerade in den Grenzregionen lange als abwegig. Diese Einschätzung verändert sich seit dem Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union. Die näher rückende Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt 2011 macht zweierlei klar: Tschechischkenntnisse bringen erstens schon heute berufliche und unternehmerische Vorteile. Und es gibt auf der deutschen Seite zweitens für die wirtschaftliche Entwicklung hinderliche sprachliche Defizite.
Nicht nur Großunternehmen, sondern auch viele Mittelständler gründen unterdessen Niederlassungen in Tschechien. Mitarbeiter, die sich sprachlich in dem einen wie dem anderen Land bewegen können, sind gefragt. Noch deutlicher ist der Bedarf an zweisprachigen Arbeitskräften beim Ausbau des grenzüberschreitenden Handels mit Waren und Dienstleistungen. Dr. Birgit Seelbinder, die Präsidentin des bayerischen Teils der Euroregion, warnt deshalb eindringlich vor dem Irrtum, Tschechisch nach wie vor als nebensächlich anzusehen.
Wie sehr sich die Grenzregion strecken muss, um sich mit dem nächsten europäischen Nachbarn im Alltag besser verständigen zu können, verrät eine Bestandsaufnahme. Die Grundschulen, die auf der deutschen Seite der Euregio Egrensis auf freiwilliger Basis Tschechisch anbieten, lassen sich an einer Hand abzählen. Europa hin, Europa her, lediglich an einer Berufsschule in Wiesau wird Tschechisch als Pflichtfach für Verkäuferinnen und Einzelhandelskaufleute unterrichtet. Und an so gut wie keinem Gymnasium fand Tschechisch bislang Eingang in den Fremdsprachenkanon. Die einzigen Leuchttürme weit und breit sind das Augustinus-Gymnasium in Weiden und das Julius- Mosen- Gymnasium in Oelsnitz/ Vogtland. Dabei könnte eine in der Praxis erworbene interkulturelle Bildung die Region insgesamt auszeichnen.
Dem Pragmatismus der Eltern, Schüler, Lehrer und Schulleiter verdankt es sich, dass Englisch bei der Lehrstellen- oder Arbeitssuche zur Grundausstattung aller Bewerber zählt. Das ist gut so, bedeutet aber auch, dass Englisch nicht mehr sticht. Viel entscheidender für den Erfolg sind heute die zusätzlichen Sprachkenntnisse. Die Sprache vor der Haustür, die das Tor zum slawischen Sprachraum weit öffnet, ist, so gesehen, eine echte Option.
Dass Vorbehalte gegen das Tschechische auch eine Folge mangelnder Unterrichtsangebote sein könnten, dafür liefert Niederösterreich das schlagende Argument. Seit 2003 wird dort mit einer Sprachenoffensive das schulische Angebot (freiwillige Kurse, Wahlpflichtfächer, vorzügliches Lehrmaterial) in Tschechisch, Slowakisch und Ungarisch intensiviert. Aus den ursprünglich ins Auge gefassten 600 Schülern wurden innerhalb nur eines Jahres 6.700, davon 2.500 in Tschechisch. Erfolg schafft Erfolg; 71 Kindergärten traten der Initiative seit Anfang 2005 bei. Die niederösterreichische Erfolgsstory ermutigt die Euregio Egrensis, die Sprachoffensive Tschechisch (und zeitversetzt auch die Sprachoffensive Deutsch in Tschechien) zu starten.
Was man sich unter der Sprachoffensive genauer vorzustellen hat? Ein Schwerpunkt ist Lobbyarbeit für das Erlernen der tschechischen Sprache in den Grenzregionen. Es geht dabei nicht um den Erwerb perfekter Sprachkenntnisse, sondern einfach um die Fitness, sich mit den Nachbarn im Alltag verständigen zu können.
Die Euregio Egrensis wirbt deshalb besonders in Kindergärten, Schulen und Volkshochschulen um die Vermittlung dieser Sprachgewandtheit. Eine Innovation ist der Einsatz von Sprachanimateuren, die die Lust auf das Tschechischsprechen mit unkonventionellen Methoden wecken.
Ein anderer Schwerpunkt beschäftigt sich mit den doch erstaunlich vielen guten Einzelinitiativen, die es inzwischen zum Sprach- und Kulturerwerb – verstreut über die Euregio Egrensis – gibt. Die verschiedenen Akteure werden miteinander vernetzt und Best-practice-Beispiele publiziert. Ein weiterer Schwerpunkt richtet die Aufmerksamkeit auf die Vielzahl der Lehrmaterialien für den Tschechischunterricht. Die Euregio Egrensis unterstützt Interessenten bei der Auswahl passender Lehrmittel und fördert die Entwicklung neuer Ansätze.
Kurz gesagt: Die Euregio Egrensis bringt mit der Sprachoffensive ein Bündel von Maßnahmen zur Vitalisierung der Zweisprachigkeit in der Region auf den Weg und rückt damit einen ihrer wesentlichen Standortvorteile ins rechte Licht.
Nähere Informationen sind zu erfragen bei der EUREGIO EGRENSIS Arbeitsgemeinschaft Bayern e.V., Fikentscher Straße 24, 95615 Bayern, Tel. 09231-6692-0 und bei EUREGIO EGRENSIS Arbeitsgemeinschaft Vogtland/Westerzgebirge e.V., Friedensstraße 32, 08523 Plauen, Tel. 03741-214-3650.

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