25.06.2004
Comenius Forum Erzgebirge erstmals in Tschechien
(DTPA/MTL) JACHYMOV/ ST: JOACHIMSTHAL: Gestern fand erstmals das Comenius Forum Erzgebirge im tschechischen Jachymov statt. Vor rund 70 Zuhörern aus Sachsen und Tschechien, die der Direktor des Kurbades Jachymov, Eduard Blaha begrüßen konnte, referierten der ehemalige sächsische Ministerpräsident Prof. Kurt H. Biedenkopf und der Historiker sowie Experte für deutsch-tschechische Beziehungen Prof. Frank Boldt über die mit der Erweiterung der Europäischen Union verbundenen Chancen und Herausforderungen für die Bürger, Wirtschaft und Politik aus tschechischer beziehungsweise sächsischer Sicht.
Staatsminister Steffen Flath machte als einer der Initiatoren des Comenius Forums mit einführenden Worten auf die zukunftsweisende Aufgabe der seit 1999 im sächsischen Erzgebirge etablierten Veranstaltungsreihe aufmerksam. Er gab seiner Freude darüber Ausdruck, dass mit der Konrad-Adenauer Stiftung, Außenstelle Prag, und dem Christlich-Sozialen Bildungswerk aus Sachsen, Partner gefunden wurden, die gemeinsam den Gedanken europäischer Integration ganz praktisch umsetzen. Nur so sei es möglich geworden, das Forum grenzüberschreitend zu gestalten.
Auch die Vertreterin der Konrad-Adenauer-Stiftung, Pavlina Richterova, betonte die integrative Aufgabe dieser weltweit agierenden Institution, die grenzüberschreitende Initiativen wie das Comenius Forum Erzgebirge deshalb gern unterstütze.
Prof. Biedenkopf erläuterte dem gespannt lauschenden Publikum – Bürgermeister, Mediziner, Unternehmer, Behördenleiter, aber auch einfach politisch Interessierten aus Nordböhmen und Südwestsachsen – in gewohnter Präzision und horizontweitend die Auswirkungen der Osterweiterung der EU, vor allem in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. „Die Neuen werden den großen Flächenstaaten innerhalb der europäischen Gemeinschaft ordentlich Druck machen“, prophezeite der Staatsmann mit Blick auf anstehende wirtschaftliche Entwicklungen und warnte vor aktuell zu beobachtenden Tendenzen in Frankreich und Deutschland, ökonomische Prozesse zu „renationalisieren“, um überholte Besitzstände unter allen Umständen zu wahren. Biedenkopf betonte die wichtige Rolle der Grenzregionen im Einigungsprozess, die als Bindeglied und Impulsgeber besondere Herausforderungen mit entsprechenden Chancen zu meistern haben.
Professor Frank Boldt, tschechischer Staatsbürger mit deutschen und jüdischen Wurzeln, verdeutlichte aus historischer Perspektive heraus die aktuellen Anforderungen an die Tschechen, die sich zu Recht als das „Herz Europas“ betrachten. Die geschichtlichen Erfahrungen des kleinen Volkes der Tschechen mit den großen Nachbarn – nicht immer unkompliziert und oft auch negativ – dürften nicht zu einer „neuen nationalen Abschottung“ führen. Er betrachtete den Beitritt der Tschechen zur EU weniger aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten heraus, sondern vorrangig als Chance, auch vorhandene Ängste vor den großen Nachbarn abzubauen und von übertriebenen Nationalismen Abstand zu gewinnen, „moderne Europäer“ zu werden.
Karl-Peter Schwarz, FAZ-Korrespondent in Prag, nahm auf freundlich-professionelle Weise die wichtige Rolle des Moderators an diesem Abend wahr. Er hatte einiges an Arbeit zu leisten, denn das Publikum stellte gewichtige Fragen an die Referenten. Welche verantwortliche Rolle den modernen Medien im Einigungsprozess zukommt, wie die negative Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt gewandelt werden kann und wie durch Staatsregierungen die notwendigen Rahmenbedingungen für positive Entwicklungen ohne übermäßige Restriktionen geschaffen werden sollten sind Beispiele dafür.
Einigkeit bei Veranstaltern und Publikum bestand darin, das Comenius Forum als grenzüberschreitende Informations- und Diskussionsplattform auch zukünftig zu nutzen, wechselnd zwischen Nordböhmen und Südwestsachsen – eben innerhalb einer der für die zukünftige Entwicklung so wichtigen Regionen Europas.
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