11.02.2004
Was unterscheidet Deutsche und Tschechen?
(DTPA/MTL) FURTH IM WALD: Andere Länder, andere Sitten. Der Volksmund beschreibt eine Erfahrung kurz und bündig, die viele Deutsche und Tschechen sammeln, wenn sie im Nachbarland zu Gast sind. Um die Volksweisheit tiefer zu ergründen und zu fragen, inwiefern sich Deutsche und Tschechen kulturell unterscheiden, trafen sich am vergangenen Freitag 20 Experten bei einem Seminar im Rathaus in Furth im Wald. Gastgeber des Workshops, an dem Bürgermeister und Verwaltungsbeamte aus allen Teilen Bayerns und Tschechiens teilnahmen, war der Further Bürgermeister Reinhold Macho. Macho ist 3. Vorsitzender des deutsch-tschechischen Vereins IDOR, der das Seminar organisiert hatte. IDOR bereitet die Grenzregionen auf die EU-Erweiterung vor und wird durch das Auswärtige Amt und die Robert Bosch Stiftung unterstützt.
„Es gibt nicht die typisch tschechische Kultur oder die typisch deutsche, sondern nur die Vorstellung davon.“ Carsten Lenk, Moderator des Workshops und Leiter des Koordinierungszentrums für Jugendaustausch Tandem, warnte bereits zu Beginn, den Nachbarn in ein Raster von Vorurteilen zu pressen. „Kulturalisierung“ nennen das Experten. Sie weisen darauf hin, dass ‚Kultur’ kein gleichförmiger Block ist, sondern sich in viele Bereiche aufteilt. Das können beispielsweise regionale Kulturen, Berufsgruppen oder Altersklassen sein, die sich auch grenzüberschreitend sehr nahe sind. Bayern und Böhmen haben bei der Ess- und Trinkkultur beispielsweise oft mehr gemeinsam als Bayern und Norddeutsche. Auch die Musikkultur verbindet die Generationen über die Grenze hinweg: So ist Robbie Williams bei tschechischen Jugendlichen nicht minder beliebt als hierzulande, ebenso wie Karel Gott bei den Senioren.
Trotz solcher Ähnlichkeiten steht zwischen beiden Nationen aber nach wie vor eine hohe Hürde: die Sprache und im weiteren Sinne die Kommunikation. Eine Erfahrung des Seminars war, dass Tschechen personenbezogener miteinander umgehen. Deutsche hingegen bevorzugen häufig das Gespräch über die Sache mehr als über die beteiligten Akteure. Ein weiterer Unterschied in der Gesprächskultur: Tschechen kommunizieren häufig indirekter miteinander. Nennen Deutsche oft die Dinge gerne beim Namen, kann dies in Tschechien manchmal als unhöflich gelten. Beispiel: Auf die Frage des deutschen Geschäftspartners, „Werden Sie das für mich machen?“, kann die Antwort in Tschechien lauten: „Ja, ich versuche es…“. Ein direktes „Nein“ würde hier manchmal als zu schroffe Absage betrachtet. Wenn der Deutsche denkt, die Aufgabe würde dann garantiert erledigt, muss dies noch lange nicht der Fall sein. Denn der tschechische Partner hatte nur die Absicht betont, es zu versuchen.
Auch in kleineren formalen Dingen gibt es Unterschiede zwischen Deutschen und Tschechen. Beispielsweise beim Gebrauch von Anreden. So spielen Titel und Status in Böhmen und Mähren nach wie vor eine große Rolle. Anreden wie „Herr Magister“, „Herr Ingenieur“ werden häufig verwendet, ebenso wie die Unterscheidung zwischen „Fräulein“ und „Frau“. Zurückzuführen ist das einerseits auf die prägende Tradition der alten k.u.k.-Monarchie, wo der soziale Status an Titeln abgelesen wurde. Außerdem fehlte der sozialistischen Tschechoslowakei die Welle des „Du“, wie sie in Deutschland seit den 1970er Jahren Einzug gehalten hat. Ein Lehrer in der Schule wird in Tschechien deshalb noch mit „Herr Lehrer“ angesprochen und der Fußballtrainer respektvoll mit „Herr Trainer“, nicht mit dem Vornamen.
Die entscheidende Erkenntnis für alle Seminarteilnehmer war allerdings, dass sich die Kommunikationsstandards immer mehr annähern. Wie das Leitmotiv des Seminars „Miteinander statt übereinander reden“ ergab, sind sie vor allem nie zu verallgemeinern, weil sich Kulturen ständig wandeln. In praktischen Übungen erfuhren die Experten, dass die Frage wie man mit dem Nachbarn umgehen sollte, immer von der jeweiligen Gesprächssituation abhängt. Von Faktoren, wie lange und wie gut man sich kennt oder zu welchem Anlass man sich trifft. In jedem Falle, so das Fazit, tun Deutsche und Tschechen gut daran dem Gegenüber mit Respekt zu begegnen und Gesprächssituationen sensibel zu reflektieren. Dadurch kann die grenzüberschreitende Verständigung verbessert werden zwischen zwei Völkern, die sich kulturell sehr nahe sind, aber in manchen Kleinigkeiten eben auch unterscheiden.
Interessenten an Workshops zu interkulturellen Unterschieden und zum 1x1 des deutsch-tschechischen Projektmanagements können sich wenden an: IDOR, Gerald Prell, Heinrich-Rockstroh-Str. 10, 95615 Marktredwitz, Tel. 09231-503770, Email: prell@idor.org.

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