22.01.2004
EU-Erweiterung bringt Schub für Wirtschaft
(DTPA/MTL) DRESDEN: Die EU-Erweiterung wird der Wirtschaft im Freistaat einen kräftigen Schub geben. Sowohl bei Wertschöpfung als auch Beschäftigung könne Sachsen mit einem positiven Impuls rechnen. Das geht aus einem Gutachten des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo über „Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt in Sachsen“ hervor. Unter anderem wurden rund 2500 sächsische, tschechische und polnische Unternehmen zwischen März und Juli 2003 befragt.
„Wir können gewinnen, aber es wird höchste Zeit, dass alle an den Start gehen“, sagte Sachsens Wirtschaftsminister Dr. Martin Gillo heute bei der Vorstellung der Ergebnisse des Gutachtens in Dresden. Sogar von den sächsischen Unternehmen, die in der EU-Erweiterung ein „wichtiges Ereignis“ sähen, seien wenige Monate vor dem Beitrittstermin gerade mal 14 Prozent vorbereitet. „Das ist ein alarmierendes Ergebnis“, sagte Gillo. „Noch stehen die Türen offen. Wer zu lange wartet, wird es wesentlich schwerer haben oder sogar eine böse Überraschung erleben.“
Sachsen dürfe sich nicht zu sehr in Sicherheit wiegen, warnte auch Wolfgang Gerstenberger, Niederlassungsleiter des Dresdner ifo-Instituts. „Einen ‚Big Bang’ wird es zum 1. Mai 2004 nicht geben.“ Von den Beschäftigten Sachsens arbeiten laut ifo-Gutachten etwa 55 Prozent in Branchen, für welche die Erweiterung nur „wenig Veränderung“ bringe. „Das Chancen-Risiken-Verhältnis ist zwar von der Wirtschaftsstruktur her knapp positiv, aber letztlich wird das Ergebnis für Wachstum und Beschäftigung in Sachsen abhängen vom Engagement der Unternehmen, durch Innovationen ihre Chancen zu mehren und den Risiken entschieden zu begegnen“, sagte Gerstenberger. Am stärksten und schnellsten von der EU-Erweiterung profitieren werden aufgrund ihrer starken Wirtschaftsstruktur und ihrer günstigen geografischen Lage vor allem die Ballungszentren Leipzig, Dresden und Chemnitz. Schwerer hätten es dagegen die unmittelbaren Grenzregionen mit der durch ihre bisherige EU-Randlage teilweise schwächer ausgebauten Wirtschaftsstruktur.
Mehr Chancen bringe die EU-Erweiterung vor allem Branchen wie Fahrzeug- und Maschinenbau, Technik- und Management Consulting sowie Maschinenbau und IT-Bereich. Per Saldo mehr Risiken drohten - vor allem wegen der Arbeitskosten-Vorteile in Tschechien oder Polen - dem Bauhandwerk, Textil- und Bekleidungsindustrie sowie Reinigungsdiensten. Vor allem das Handwerk müsse zusätzliche Dienstleistungen in sein Leistungsspektrum aufnehmen, um im verschärften Wettbewerb bestehen zu können, so Gerstenberger.
Entscheidend für die sächsische Wirtschaft sei, so Gillo, dass die derzeit geltende Struktur- und Regionalpolitik fortgeführt werde. „Sachsen muss auch über 2006 hinaus Ziel-1-Fördergebiet bleiben. Dabei erwarten wir mehr Rückendeckung und Hilfe aus Berlin“, sagte Gillo.
95 Prozent der befragten Unternehmen fordern laut ifo-Studie von der Politik vor allem eine Minderung der Steuern- und Abgabenlast, eine Deregulierung des heimischen Arbeitsmarktes (81 Prozent) sowie bessere Finanzierungskonditionen (79 Prozent). „Das Gutachten bestätigt Sachsens Bemühungen um eine weitere Flexibilisierung am Arbeitsmarkt“, sagte Gillo. „Die EU-Erweiterung erhöht den Reformdruck auf ganz Deutschland, besonders aber auf die unmittelbaren Nachbarn der neuen EU-Mitglieder.“ Sachsens Unternehmen brauchen dringend mehr Spielraum bei Kündigungsschutz, Zeitarbeitsregelungen sowie in Fragen des Arbeitsvertrags- und Tarifvertragsrechts (z.B. mehr Freiräume für betriebliche Bündnisse).
In den nächsten Monaten werde das bereits bestehende Informations- und Beratungsangebot der Kammern weiter verstärkt (siehe auch Info-Blatt/Anlagen), kündigte Gillo an. „Wir haben bilaterale Wirtschaftsforen mit Polen und der Tschechischen Republik wieder belebt. Diese Treffen sollten auch sächsische Unternehmen verstärkt als Kontakt- und Kooperationsbörse nutzen“, sagte Gillo. „Hier entstehen die Netzwerke zwischen kleinen und mittleren Unternehmen, die Partnern beiderseits der Grenzen nutzen.“

Die ifo-Studie (ohne Anlagen-Band) ist ab heute auch im Internet nachlesbar: http://www.smwa.sachsen.de

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