11.11.2003
Die Perspektive der Opfer hinzufügen
(DTPA/MTL) DRESDEN: Bis in die frühen 80er Jahre war Zwangsarbeit kein Thema. Dann jedoch regte sich die Fachwissenschaft, und im Zusammenhang mit der breiten öffentlichen Diskussion einer späten Entschädigung gaben zahlreiche Untersuchungen den Blick frei auf die gewaltigen Dimensionen dieses Phänomens. 13,5 Millionen ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ- Häftlinge wurden in die deutsche Kriegswirtschaft gezwungen, ausgebeutet und diskriminiert. Als 1999 das Stiftungsgesetz für die Entschädigung beschlossen werden konnte, lebten noch etwa 2 Millionen Opfer. Die Bearbeitung ihrer Anträge, die Suche nach Belegen stellte die deutschen Archive vor ganz neue Aufgaben. Darüber hinaus bildet das umfangreiche Quellenmaterial Stoff für lokalgeschichtliche Studien und Ausstellungen. Die verdienstvolle Aufbereitung dieser historischen Quellen zeichnet jedoch ein Bild, das der Ergänzung bedarf. Die in staatlichen und Firmenarchiven lagernden Bestände spiegeln fast ausschließlich die Perspektive der Täter. Um so wichtiger ist es, den überlebenden Opfern eine Stimme zu verleihen.
Das Projekt „Ehemalige tschechische Zwangsarbeiter als Zeitzeugen in deutschen Schulen" der Brücke/Most-Stiftung und des Koordinierungszentrums deutsch-tschechischer Jugendaustausch, Tandem, gefördert von der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ aus dem Fonds „Erinnerung und Zukunft“ setzt genau hier an. In Plauen fanden am 3.11. beide Wege des Erinnerns zusammen: Zwei tschechische Zeitzeugen der NS-Zwangsarbeit waren im Rahmen dieses Begegnungsprogramms ins Plauener Landratsamt gekommen und berichteten etwa 50 Schülern von ihren Erlebnissen. Gleichzeitig wurde die Ausstellung der sächsischen Archivverwaltung „Fremd- und Zwangsarbeit in Sachsen 1939-45“ eröffnet. Die anwesenden Schüler werden ihr erworbenes Wissen weitergeben, indem sie bis zum 5. 12. Altersgenossen durch diese Ausstellung führen.
In der gleichen Woche fanden zwei weitere Zeitzeugengespräche statt: Prof. Dr. Jiri Kosta, als Überlebender von Theresienstadt und Auschwitz Opfer der Zwangsarbeit in ihrer schlimmsten Form, las in einer Kooperation mit den 5. Tschechischen Kulturtagen in Dresden am 6. 11. aus seiner Autobiografie „Nie aufgegeben“ und diskutierte am nächsten Tag mit Schülern der 10. Klassen des Pirnaer Friedrich-Schiller-Gymnasiums.
Am Wochenende tagte in Prag der tschechische Verband ehemaliger Zwangsarbeiter – wohl zum letzten Mal. Der Verband beschloss der Verband seine Auflösung. Mit der Entschädigung ist das wesentliche Ziel erreicht.

Bild: Lesung von Jiri Kosta in Dresden
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